Ausgelassene Operette mit geistreichem Gestus

Zum vierten Mal inszeniert Leopold Huber für die Operette Sirnach. Im Januar 2019 feiert „Ball im Savoy“ von Paul Abraham Premiere, eine Operette, die im Kontext ihrer Entstehungsgeschichte gesehen werden darf.

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Nach „Die Herzogin von Chicago“, „Victoria und ihr Husar“ und „Maske in Blau“ wird „Ball im Savoy“ die vierte Inszenierung Leopold Hubers in Sirnach sein. Mittlerweile ist er mit dem Publikum und den Darstellerinnen und Darstellern vertraut, auch mit dem Vorstand. Dass die Entscheidung über das Werk allein im Vorstand gefällt wird, macht ihm keine Mühe, im Gegenteil: „Die Leute im Vorstand kennen ihr Publikum und wissen, was gefällt und erwartet wird“, so der Regisseur. Dass der Trend der letzten Jahre zunehmend in Richtung jazzigeren Operetten geht, begrüsst Huber ebenfalls: Die Musik ist rassiger, moderner.

Auf und Ab der Operette
Die klassische Operette, die „kleine Oper“, schuf Jacques Offenbach in Frankreich mit gesellschafts- und regimekritischen Elementen. Daran schloss die Epoche der klassischen Wiener Operette an. „Um 1900 war dieses Genre kaputt“, weiss Leopold Huber, jedoch hätte Franz Lehar 1905 mit „Die lustige Witwe“ eine Rennaissance eingeläutet. Es ging mit der Operette wieder steil bergauf, Kritik an Zeitgeist und -geschehen, mal mehr mal weniger subtil, erfreute sich grosser Beleibtheit.

„Entartetes“ Werk
Aber nicht bei allen. Paul Abraham, einer der gefragtesten Komponisten seiner Zeit, musste als Jude nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten Berlin und Deutschland verlassen und flüchtete in die USA, wo er niemals Fuss fassen sollte. Nebst seiner jüdischen Abstammung stiessen auch die jazzigen Elemente auf kein musikalisches Gehör, seine Gesellschaftskritik schon gar nicht - seine Werke galten als entartet. „Ball im Savoy“ wurde umgehend abgesetzt - der „absurde, realistische und gestreiche Gestus dieser Operette“, wie Huber es bezeichnet, kam gar nicht gut an.

Balance halten
Abrahams Musik war damals in der Tat neu. Ungehörte Akkorde und Rhythmen forderten heraus. Leopold Huber meint: „Man spürt schon einen Schatten in der Musik“, einen braunen Schatten. Man hat das Gefühl, man tanze auf dem Vulkan. Naziuniformen indes wird es in Sirnach nicht geben. „Aber man darf sich durchaus bewusst sein, dass die heitere Handlung von aussen bedroht ist“. Das Werk und der Komponist haben eine Auseinandersetzung mit der Rezeptionsgeschichte verdient. Letzlich sei es eine Frage der Balance: An oberster Stelle steht der Unterhaltungswert der Operette. Dazu gehörte auch, die Musik von der ursprünglichen viereinhalbstündigen Aufführungsdauer herunterzustreichen. Eine nicht ganz einfach Aufgabe, da der musikalische Kontext nicht verloren gehen durfte.

Bühnenbild
Leopold Huber hat auch das Bühnenbild entworfen: Schlichtes Schwarzweiss und Blaugold spiegeln den Übergang von Art Déco zu Bauhaus-Stil wieder und wird mit wenigen Elementen ergänzt. Der visuelle Fokus liegt auf den charakterlich abgestimmten Kostümen von Jacqueline Kobler, die in diesem Bühnenbild hervorragend zur Geltung kommen werden.